DAS GEISTLICHE WORT
Liebe Gemeinde, alle Jahre wieder, wenn Weihnachten näher rückt, schaue ich mir traditionell die Kinderoper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck an, die am 23. Dezember 1893 in Weimar uraufgeführt wurde. Mich bewegt jedes Jahr neu die Szene, als die verschreckten Kinder im tiefsten Wald bei anbrechender Dunkelheit ihr Nachtgebet singen. Bewegt und daran erinnert hat mich auch das Schicksal des kleinen Mädchens Julia, die Mitte Oktober zwei Tage und Nächte in einem großen Waldstück vermisst worden war. In ähnlichen Fällen geht man nach dieser Zeit vom Schlimmsten aus. Es wirkte wie ein Wunder, dass die Kleine körperlich unverletzt wiedergefunden wurde. Trotz er erlösenden Nachricht, empfand ich einen nicht wegzuleugnenden Kummer in mir bei dem Gedanken, was Julia für Angst gehabt haben muss! Acht Jahre und mutterseelenallein im Wald; und dann auch noch zwei Nächte lang… Hänsel und Gretel im bekannten Grimm’schen Märchen hatten wenigstens noch einander. Welche Spuren dieses traumatische Erlebnis bei Julia hinterlassen wird, wissen wir nicht. Ich hoffe, dass sie, ihre beiden Brüder und die Eltern psychologische Betreuung zur Aufarbeitung erhalten haben. Als gläubiger Mensch glaube ich aber auch, dass jene guten Mächte, die das Kind im Wald auf wunderbare Weise behütet haben, auch weiter in und an ihr am Werk bleiben, damit dieses Erlebnis keine bleibenden Spuren auf der zarten Kinderseele hinterlässt. In erwähnter Märchenoper sind Hänsel und Gretel im finsteren Wald von einer Schar sie behütender unsichtbarer Engel umgehen. Ich möchte mir das vorstellen, dass die kleine Julia von mehr als einem Schutzengel behütet und bewacht worden ist. Und ich scheue mich nicht, hier von einem Wunder zu sprechen! Wir hören so oft und immer wieder negative, schreckliche Nachrichten mit tragischem Ausgang. Da ist es wohltuend, auch mal ein Happy End einer als schon dramatisch aussichtslos eingestuften Rettungsaktion zu hören. Wenn eine Geschichte nicht gut ausgeht – besonders wenn Kinder im Spiel sind – stellen sich
viele Menschen unweigerlich die Frage, warum Gott das nicht verhindert hat. Auf diese Fragen gibt es keine Antwort. Wir dürfen uns aber nicht nur freuen, sondern dankbar und voller Staunen sein, dort, wo Gott offensichtlich seine schützende Hand über Menschen hält. Nicht immer geschieht das so spektakulär, wie bei Julia. Manchmal sind es die kleinen Alltäglichkeiten, die wir bei näherem Hinschauen als die größten Wunder erkennen. Credendo vides! – Wer glaubt, wird sehen. An Weihnachten ist das größte Wunder geschehen, dass Gott in unsere finstere, gewalttätige Welt gekommen ist und sich verwundbar gemacht hat. Aber grade dadurch hat er uns ein kleines Licht der Hoffnung geschenkt, dass unser Dunkel erhellt, wenn wir mit den Augen des Glaubens und dem Glauben des Herzens sehen. In diesem Sinne wünsche ich uns, die in dieser Pandemie wie Hänsel und Gretel und Julia scheinbar in einem dunklen, bedrohlichen Wald ohne Ausweg festzustecken scheinen, das hoffnungsfrohe Dennochlicht des Glaubens, das Weihnachten menschliche Gestalt angenommen hat uns auch aus dieser Dunkelheit ans Licht führen wird. Frohe, gesegnete Weihnachtszeit wünscht Ihr/Euer Pfarrer Uwe J. Steinmann