Liebe Gemeinde, vielen, wenn nicht sogar den meisten Menschen ist die Advents- und Weihnachtszeit kostbar. In unserer so kalten, technischen Welt, bewahrt diese besondere Zeit einen geheimen Zauber, der uns Erwachsene an unsere Kindheit erinnert, wo es Magie und Glauben und Hoffnung gab. Stellen Sie sich bitte mal strahlende Kinderaugen vor, die im Licht von flackernden Kerzen auf das Christkind warten. Und dann stellen Sie sich bitte Eltern vor, die hinein in diese wundersame Atmosphäre ihren kleinen Engeln kühl darlegen, dass es gar kein Christkind gibt und unter dem Kostüm des Nikolaus der Opa steckt, der das alles nur spielt. Schließlich will man als moderne Eltern sein Kind nicht belügen. Und die Wahrheit ist, dass Christkind und Weihnachtsmann von den Erwachsenen erfunden sind. Wie eine Seifenblase zerplatzt der Kindheitstraum. Der magische Moment ist zerstört und kommt niemals wieder. Aber die Eltern klopfen sich stolz auf die Schulter, weil sie ihre Kinder nicht belügen. Jahre später ist der Vater längst gestorben. Die Kinder sind erwachsen geworden. Die Mutter leidet an Demenz. Ihr Gedächtnis wird alle 10 Minuten auf Null gefahren. Alles, was davor gesagt oder getan wurde, ist gelöscht, vergessen, nicht mehr abrufbar. Sie vermisst ihren Mann und fragt oft nach ihm. Ihre Schwester sagt ihr dann, er sei bei der Arbeit und komme abends nach Hause. Dann ist sie beruhigt und kann für ein paar Stunden getröstet und froh ihren einsam gewordenen Tag leben. Wenn die Kinder zu Besuch kommen, sagen sie ihr knallhart, dass der Papa doch schon seid Jahren tot ist. Dann ist sie todunglücklich, weint und wird in eine Qual der Trauer und des Kummers gestürzt. Bis zur nächsten Frage. Und dann wiederholt sich der Schmerz und das Weinen um den geliebten Mann. Die Kinder haben früh von den Eltern gelernt, „die Wahrheit“ zu sagen. Und sie sind es ihrem Gewissen schuldig, nicht zu lügen. Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Sie klopfen sich stolz auf die Schultern, dass sie so konsequent
sind. Und nebenan schluchzt die alte Mutter in ihrer Verzweiflung. Was ist die Wahrheit? Diese, schon von Pilatus gestellte Frage hat Jesus eindeutig beantwortet: ICH bin die Wahrheit und das Leben. Jesus Wahrheit ermöglicht Leben. Um Jesu Willen sollen wir uns die Wahrheit wie einen warmen Mantel um die Schultern legen, und nicht wie ein nasses Handtuch um die Ohren schlagen. Wahrheit ist immer Kontext bezogen. Das Christkind oder der Weihnachtsmann sind für kleine Kinder in ihrer Lebensphase genauso wahr wie längst verstorbene Angehörige für geistig verwirrte Menschen. Jesus hat immer die Liebe zum alleinigen Maßstab erhoben und sie höher gestellt als Regeln und Gesetze. Die Kunst der Ethik besteht darin, sich auf die jeweilige Wahrheit eines Anderen einzustellen. Was für einen gesunden Verstand vielleicht als unwahr empfunden wird, kann einem Demenzkranken zum Leben verhelfen. Und dies ist ein Akt der Liebe und Barmherzigkeit. Das ist der Weg Jesu. Nicht nur zur Advents- und Weihnachtszeit! Eine besinnliche Zeit wünscht Pfarrer Uwe J. Steinmann.
Pfarrer Uwe J. Steinmann
Jesus antwortete: „Ich bin der Weg, denn ich bin die Wahrheit und das Leben.” (Johannes 14,6a)